Resonanz, Echo und Spiegelneuronen Die Kunst der echten Verbindung
- Vicdan Bannasch

- 5. Jan.
- 18 Min. Lesezeit

Einleitung Resonanzverlust in einer modernen scheinbar hellen Welt
Kennst du dieses seltsame irritierende Gefühl, dass objektiv alles stimmt und sich innerlich trotzdem nichts bewegt? Das Wetter ist schön, du hast endlich einen freien Tag. Vielleicht sitzt du sogar mit Menschen zusammen, die dir wichtig sind und fühlst dich innerlich leer und abgetrennt. Als würdest du mitten zwischen sonnenbeschienenen Gesichtern im Schatten stehen.
Oft kommt dann sofort der vertraute innere Kommentar. Sei doch dankbar. Stell dich nicht so an. Anderen geht es viel schlechter. Nach außen funktioniert alles. Du lächelst, arbeitest, kümmerst dich, erfüllst Erwartungen. Innerlich aber wird es leiser. Die Resonanz zwischen dir und der Welt nimmt ab, manchmal fast unmerklich, Schritt für Schritt.
Viele nennen das zuerst einfach Erschöpfung oder eine Phase. Aus therapeutischer Sicht ist es häufig etwas anderes. Dein System ist nicht defekt, es ist verstimmt. Die Saite, die dich mit dir selbst und mit anderen verbindet, klingt nicht mehr frei. Es ist noch keine Depression im diagnostischen Sinn, aber eine Resonanzdysbalance, die sich mit der Zeit automatisieren und verfestigen kann.
Wenn außen alles hell wirkt und du dich innen trotzdem dunkel oder leer fühlst, fehlt dir nicht Dankbarkeit, sondern Resonanz.
Wir leben in einer Welt, die dich dazu einlädt, immer schneller zu funktionieren. Mehr Aufgaben, mehr Rollen, mehr Informationen, mehr Reize. Du kannst permanent erreichbar sein, ständig reagieren, alles organisieren. Was dabei oft verloren geht, ist der leise Moment, in dem du spürst, ob etwas in dir wirklich mitschwingt. Nicht ob es sinnvoll, pflichtbewusst oder vernünftig ist, sondern ob es sich stimmig anfühlt.
Wann hast du zuletzt gemerkt, dass etwas sinnvoll wirkt und sich trotzdem nicht stimmig anfühlt?
Gleichzeitig bist du biologisch und sozial in ein dichtes Netz eingebunden. Dein Nervensystem reagiert auf jede Mimik, auf jede Stimme, auf jede Atmosphäre im Raum. Man könnte sagen, wir hängen alle in einem unsichtbaren Spinnennetz. Jede Bewegung, jede Spannung, jede Entlastung überträgt sich weiter. Keine Schwingung bleibt völlig ohne Wirkung, auch wenn du sie im ersten Moment nicht bewusst wahrnimmst. Auch das, was du als deine eigene Meinung erlebst, entsteht nicht im luftleeren Raum. Oft ist es eine feine Mischung aus deinen Erfahrungen und dem, woran du dich im Kontakt mit anderen unbewusst andockst.
Welche Spuren anderer Menschen erkennst du heute in dem, was du für deine eigene Meinung hältst?
Genau hier setzen Resonanz und Echo an. Resonanz beschreibt das lebendige Mitschwingen zwischen dir und der Welt. Echo beschreibt den Moment, in dem nur noch zurückkommt, was du ohnehin schon über dich denkst. Und tief in deinem Gehirn arbeiten Netzwerke, die wir mit dem Bild der Spiegelneuronen gut verstehen können. Sie helfen dir, andere intuitiv zu lesen, Freude und Schmerz nachzufühlen und überhaupt in Beziehung zu gehen.
Dein Erleben ist kein Charakterfehler, sondern das Ergebnis aus innerer Stimmung, Beziehungserfahrungen und der Art, wie dein Gehirn Resonanz und Echo verarbeitet.
In diesem Artikel erkundest du, wie Resonanz in dir entsteht, warum sie in einer beschleunigten Welt so leicht brüchig wird und wie aus den ersten feinen Verstimmungen mit der Zeit echte Störfelder entstehen können. Du erfährst, welche Rolle Spiegelneuronen dabei spielen, wie Entfremdung und Echo dich von dir selbst und anderen wegziehen und was du konkret tun kannst, um deine innere Resonanzachse wieder zu spüren.
Die Basis Resonanz und Spiegelneuronen das Netz der Ansteckung

Bevor wir tiefer in das Thema Resonanz eintauchen, lohnt sich ein Blick in dein Gehirn. Dort arbeiten Netzwerke, die man in der Neurowissenschaft mit dem Bild der Spiegelneuronen beschreibt. Sie helfen dir, andere Menschen nicht nur zu beobachten, sondern sie innerlich mit zu erleben.
Ganz vereinfacht kannst du dir Spiegelneuronen als Nervenzellen vorstellen, die aktiv werden, wenn du etwas tust und wenn du siehst, wie ein anderer Mensch dasselbe tut. Dein Gehirn schaut nicht nur zu, es macht innerlich mit. Wenn jemand gähnt, wenn jemand lacht, wenn sich jemand weh tut, reagiert dein System. Manchmal merkst du es an deinem eigenen Körper, manchmal nur als kurzen inneren Zuck in der Aufmerksamkeit.
Im Alltag sorgt dieses Netz dafür, dass du Stimmungen intuitiv wahrnimmst, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Du spürst, ob ein Raum gespannt ist, auch wenn alle lächeln. Du fühlst dich leichter, wenn jemand aufrichtig lacht. Du zuckst zusammen, wenn ein Kind hinfällt, obwohl du sicher stehst. Dein Gehirn arbeitet ständig im Hintergrund mit einer feinen Form von innerer Ansteckung.
Dein Nervensystem ist von Anfang an darauf angelegt, mitzuschwingen. Resonanz ist kein Luxus, sondern Teil deiner biologischen Ausstattung.
Spiegelneuronen gelten als eine wichtige Grundlage von Empathie. Sie ermöglichen ein erstes Mitschwingen, aber sie reichen allein nicht aus, um echte Resonanzbeziehungen entstehen zu lassen. Ob du wirklich in Kontakt gehst, hängt auch von deiner inneren Sicherheit, deinen Bindungserfahrungen und deiner aktuellen Verfassung ab. Manchmal spürst du sehr genau, was in anderen vorgeht, kannst es aber kaum aushalten oder nicht in einen guten Kontakt bringen.
Wichtig ist auch eine kleine Entzauberung. Es gibt nicht das eine Organ der Empathie. Spiegelneuronen sind ein verständliches Modell, um zu erklären, wie dein Gehirn auf andere reagiert. Im Hintergrund arbeiten immer mehrere Netzwerke zusammen, die Bewegung, Gefühl, Aufmerksamkeit und Erinnerung verbinden.
Zum Schluss ein kurzer Blick auf dich. Vielleicht magst du einen Moment innehalten und dich an eine Situation erinnern, in der dich die Stimmung eines anderen Menschen angesteckt hat. Jemand, der den Raum betreten hat und alles wurde schwerer. Oder jemand, bei dem du dich nach wenigen Minuten leichter und lebendiger gefühlt hast. Und dann gibt es diese Begegnungen, in denen äußerlich nichts Böses gesagt oder getan wird und du innerlich nicht genau weißt, was du von diesem Menschen halten sollst. Etwas in dir ist aufmerksam und unsicher, ohne dass du es sofort benennen kannst. Dein System hat längst gescannt, bevor du einen klaren Gedanken dazu fassen kannst. Genau dort beginnt das Netz der Resonanz, das wir im nächsten Abschnitt weiter erkunden.
Was du bei anderen wahrnimmst, ist keine Einbildung. Dein Gehirn und dein Nervensystem antworten die ganze Zeit auf die Menschen um dich herum.
Das Erlebnis Resonanz als Beziehungsmodus
Wenn wir von Resonanz sprechen, meinen wir oft zuerst ein Gefühl. Sympathie, Verstehen, auf einer Wellenlänge sein. In der Resonanztheorie nach Hartmut Rosa geht es um etwas Tieferes. Resonanz beschreibt einen Beziehungsmodus zwischen dir und der Welt. Etwas in der Welt ruft dich. Etwas in dir wird berührt. Du antwortest und erlebst, dass deine Antwort eine Spur hinterlässt. Es ist kein einseitiges Senden, sondern ein lebendiger Austausch.
In Resonanz zu sein bedeutet nicht, dass alles leicht ist oder nur angenehm. Manchmal berührt dich etwas, das weh tut, und gerade dadurch spürst du, wie stark du verbunden bist. Wichtig ist, dass du nicht stumpf bleibst und nicht im reinen Funktionieren hängen bleibst, sondern dass du innerlich antworten kannst.
Resonanz heißt nicht, dass alles schön ist, sondern dass du dich von der Welt berühren lässt und eine eigene Stimme behältst.
Äußere Resonanzachsen Wenn Welt und Mensch antworten
Vielleicht kennst du Situationen, in denen dich ein Satz, ein Lied oder ein Blick mitten im Alltag trifft. Du hattest nicht damit gerechnet und merkst plötzlich, wie sich etwas in dir verschiebt. Genau dort zeigt sich der äußere Resonanzmodus.
Am Anfang steht die Affizierung. Etwas erreicht dich. Eine Stimme, ein Gesicht, ein bestimmter Tonfall. Eine Landschaft, ein Musikstück, ein Geruch. Es ist, als würde die Welt kurz an deine innere Tür klopfen. Dann folgt die innere Reaktion. Dein Körper reagiert, dein Atem verändert sich, eine Erinnerung taucht auf, vielleicht spürst du Gänsehaut oder einen Druck im Brustkorb.
Wenn du in Resonanz bist, entsteht daraus ein echtes Interesse. Du willst dranbleiben. Du hörst genauer zu, stellst eine Frage, bleibst noch einen Moment sitzen, gehst einen Weg noch ein Stück weiter. Es geht nicht um Pflicht, sondern um ein inneres Ja. Und aus diesem Ja wächst Selbstwirksamkeit. Du antwortest mit einem Wort, einer Geste, einer Entscheidung und erlebst, dass sich dadurch etwas in der Situation verändert. Vielleicht entspannt sich ein Gespräch, vielleicht entsteht ein neues Projekt, vielleicht fühlst du dich nach einem Spaziergang anders als vorher.
In solchen Momenten bist du nicht nur Objekt dessen, was die Welt dir zumutet. Du bist Subjekt, das die Welt mitgestaltet. Resonanz macht spürbar, dass du kein stummer Empfänger bist, sondern Teil eines Antwortgeschehens. Radikal gedacht heißt das, dass du der Welt nicht einfach ausgeliefert bist. Ein Stück weit ist die Welt auch dir ausgeliefert, nämlich deiner Art, auf sie zu antworten.
Wenn du in Resonanz bist, bist du nicht nur betroffen, sondern beteiligt.
Innere Resonanz Das gestimmte Instrument bei innerer Leere und Funktionieren im Alltag
Damit du Resonanz im Außen überhaupt wahrnehmen kannst, braucht es einen inneren Bezugspunkt. Du kannst dir dein Inneres wie ein Instrument vorstellen, das gestimmt sein will. Wenn die Saiten zu locker oder zu fest sind, klingt jeder Ton schief, egal wie gut die Musik von außen ist.
Innere Resonanz bedeutet, dass Gedanken und Gefühle sich nicht dauerhaft gegeneinander stemmen. Du kennst vielleicht Sätze wie ich sollte dankbar sein oder ich darf mich nicht so anstellen, während ein anderer Teil in dir deutlich spürt, dass etwas nicht stimmt. Diese Dissonanz kostet Kraft. Je länger sie anhält, desto leiser wird deine innere Stimme.
Viele Menschen, die ich begleite, beschreiben genau dieses Erleben von innerer Leere, Erschöpfung und einem Funktionieren statt Leben. Sie funktionieren, sie tragen Verantwortung, sie sind für alle da, aber sie spüren sich selbst kaum noch. Die Tage laufen, To do Listen werden abgearbeitet, nach außen wirkt alles stabil. Innen fühlt es sich leer oder taub an. Die innere Saite ist nicht gerissen, aber sie ist verstimmt und kaum noch zu hören.
Wo in deinem Alltag spürst du, dass du nur noch funktionierst und dich selbst kaum fühlst?
Innere Resonanz entsteht, wenn du beginnst, diese leisen Signale wieder ernst zu nehmen. Wenn du dir erlaubst, zu bemerken, dass etwas in dir Nein sagt, obwohl dein Kopf Ja sagt. Wenn du dir zugestehst, dass deine Müdigkeit, deine Gereiztheit oder deine Antriebslosigkeit Hinweise sind, keine Charakterschwächen.
Innere Resonanz beginnt dort, wo du deine eigenen Signale nicht länger weg argumentierst.
Ziele, die mit deiner inneren Stimmigkeit übereinstimmen, fühlen sich anders an als Ziele, die nur Erwartungen anderer erfüllen. Du merkst es daran, dass du auf dem Weg dorthin nicht völlig ausbrennst, dass du dich lebendig fühlst und nicht nur erleichtert, wenn es endlich vorbei ist. Resonanz orientiert sich daran, was wirklich zu dir passt, nicht daran, was sich von außen richtig macht.
Die Frage Bin ich mit mir in Resonanz kann zu einem inneren Kompass werden. Sie ersetzt keine Analyse, aber sie bringt dich immer wieder zurück zu der einfachen Wahrnehmung, ob etwas in dir mitschwingt oder ob du dich innerlich von dir entfernst.
Resonanz als Körperereignis

Resonanz spielt sich nicht nur im Kopf ab. Dein Körper ist immer beteiligt. Oft spürst du zuerst körperlich, ob eine Situation stimmig ist oder nicht, lange bevor du Worte dafür findest.
Momente von Resonanz können sich anfühlen wie Weite im Brustkorb, ein entspannter Atem, Wärme in den Händen, ein lebendiges Kribbeln im Körper. Du bist präsent, wach, aber nicht überdreht. Die Zeit wirkt nicht mehr wie ein Feind, der dich jagt, sondern eher wie ein Raum, in dem etwas geschehen darf.
Momente von Entfremdung fühlen sich anders an. Der Körper wird schwer oder ganz leicht und abgeschnitten. Du merkst eine innere Kälte, Druck im Hals, Spannung im Kiefer. Es ist, als würdest du neben dir stehen oder als wäre eine Glasscheibe zwischen dir und dem Rest der Welt. Die Sonne scheint, aber du fühlst sie nicht.
Nimm einen Moment wahr, wie dein Körper dir heute zeigt, ob du eher in Resonanz oder in Rückzug bist.
Dein Nervensystem reagiert auf Sicherheit und Gefahr, auf Nähe und Distanz, auf Tempo und Überforderung. Resonanz braucht kein perfektes Leben, aber sie braucht ausreichend innere Sicherheit. Wenn dein System ständig im Alarmmodus laufen musste, zum Beispiel durch belastende Erfahrungen, können resonante Momente sich zunächst ungewohnt oder sogar bedrohlich anfühlen.
Hier können achtsame Körperwahrnehmung, Atemarbeit und auch hypnotherapeutische Methoden helfen, den eigenen Körper wieder als Verbündeten zu erleben. Nicht als etwas, das funktionieren muss, sondern als sensiblen Resonanzraum, der dir Rückmeldungen gibt, wo du gerade stehst.
Dein Körper ist kein Störfaktor, sondern dein feinster Resonanzsensor.
Die Abgrenzung Die zwei Gefahren der Verbindung Entfremdung und Echo
Resonanz ist ein lebendiger Austausch. Etwas erreicht dich, du antwortest und erlebst, dass deine Antwort eine Spur hinterlässt. Doch es gibt Zustände, in denen diese Beweglichkeit verloren geht. Die Verbindung reißt nicht plötzlich ab, sie wird erst feiner, dann starrer, bis sie sich anfühlt wie stumm oder wie ein Raum, in dem du nur dich selbst hörst. An dieser Stelle lohnt es sich, zwei Gefahren genauer anzuschauen. Entfremdung und Echo.
Entfremdung Wenn die Welt stumm wird

Entfremdung ist das systematische Gegenteil von Resonanz. Die Welt ist nicht wirklich verschwunden, aber sie antwortet dir nicht mehr spürbar. Du machst, was zu tun ist, erfüllst deine Aufgaben, bewegst dich durch deinen Alltag und hast trotzdem das Gefühl, dass nichts wirklich zu dir durchdringt. Deine Fragen verhallen, dein Einsatz fühlt sich wirkungslos an, deine Wünsche scheinen niemanden zu erreichen.
Im Hintergrund steht oft ein innerer und äußerer Zwang zur Verfügbarkeit. Alles soll planbar, kontrollierbar, optimiert werden. Arbeitstakte, Formulare, Effizienzvorgaben, ständige Erreichbarkeit. Auch in Beziehungen kann dieser Modus entstehen. Hauptsache funktionieren, kein Streit, keine Zeit verlieren. Es bleibt wenig Raum für das Unerwartete, das Unverfügbare, das dich wirklich berührt.
Vielleicht erkennst du dich in Bildern wieder wie Arbeiten im Autopilot, Freizeit, die eher betäubt als nährt, Gespräche, in denen du höflich bist, aber innerlich nicht ankommst. Beziehungen, die von außen stabil wirken und sich innen leer anfühlen. Sonne außen, Schatten innen.
Entfremdung fühlt sich oft nicht spektakulär an, sondern leise und unauffällig. Gerade deshalb bleibt sie so lange unbemerkt. Erkennst du Situationen, in denen dein Leben von außen hell wirkt und sich innen grau anfühlt?
Wenn Entfremdung über längere Zeit anhält, schwächt sie die Resonanzachsen. Das Nervensystem ist erschöpft, die innere Stimme wird leiser, der Alltag verliert Farbe. Burnout und depressive Symptome können dann Ausdruck einer zerbrochenen Resonanzachse sein. Nicht weil du zu schwach bist, sondern weil du zu lange in einem Modus leben musstest, in dem kaum noch echte Antwort möglich war.
Vom Verstimmt sein zur Diagnose Dysbalance Störfelder Dekompensation
Aus therapeutischer Sicht beginnt dieser Prozess meist viel früher, lange bevor eine Diagnose im Raum steht. Am Anfang steht häufig eine feine Dysbalance. Du spürst, dass etwas nicht mehr rund läuft. Du schläfst schlechter, bist schneller gereizt, freust dich weniger auf Dinge, die dir früher wichtig waren. Gleichzeitig funktioniert dein Alltag noch. Von außen sieht man wenig.
Um diese Dysbalance auszugleichen, greifen viele Menschen zu Strategien, die kurzfristig helfen, langfristig aber neue Störfelder schaffen. Noch mehr arbeiten, noch besser sein, noch mehr kontrollieren, noch weniger fühlen. Diese Muster automatisieren sich. Sie werden so selbstverständlich, dass sie kaum noch hinterfragt werden. Die innere Resonanz wird überstimmt.
Mit der Zeit geraten immer mehr Lebensbereiche aus dem Gleichgewicht. Dinge, die früher leicht von der Hand gingen, werden anstrengend. Kontakte werden reduziert, Hobbys verschieben sich nach hinten, der Radius verengt sich. Erschöpfung, innere Leere, Antriebslosigkeit nehmen zu. Erst in dieser Phase passen Erleben und Verhalten in die Kriterien zum Beispiel einer depressiven Störung oder eines Burnout Syndroms. Dann taucht oft zum ersten Mal der Gedanke an eine Diagnose auf.
Eine Diagnose beschreibt einen Zustand, nicht die vielen kleinen Schritte der Überforderung, die davor schon stattgefunden haben.
Wichtig ist mir an dieser Stelle die Haltung. Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen. Weder an Betroffene noch an Fachpersonen. Gleichzeitig ist es wichtig zu benennen, dass viele Hilfesysteme erst dann reagieren, wenn die Dekompensation weit fortgeschritten ist. Resonanzarbeit kann ein Weg sein, frühere Warnsignale zu hören und ernst zu nehmen, bevor das System nur noch im Notprogramm läuft.
Echo Die Falle der Selbstbestätigung
Die zweite Gefahr hat auf den ersten Blick nichts mit Stille zu tun, sondern mit zu viel Echo. Echo meint den Zustand, in dem nur noch zurückkommt, was du ohnehin schon über dich glaubst. Die Welt antwortet, aber ihre Antwort ist gefiltert durch deine eigenen Überzeugungen, Ängste und Erwartungen.
Eine einfache Fragekaskade macht diesen Mechanismus sichtbar.
Was denke ich über mich?
Was denke ich, was andere über mich denken?
Was weiß ich wirklich darüber, was andere denken?
Die meisten Menschen kennen die zweite Ebene sehr gut. Sie sind überzeugt zu wissen, was andere über sie denken. Ich bin anstrengend. Ich darf nicht zur Last fallen. Ich bin nicht gut genug. Diese Sätze fühlen sich an wie Fakten, sind aber oft alte innere Stimmen, keine überprüfte Realität. So wie Meinungen allgemein aus einer Mischung deiner eigenen Erfahrungen und der Resonanz mit anderen entstehen, ohne dass dir dieser Einfluss immer bewusst ist.
So entsteht ein innerer Echoraum. Alles, was du erlebst, wird durch diese Brille gedeutet. Ein neutrales Gesicht wird zur Bestätigung, dass du etwas falsch gemacht hast. Eine kurze Nachricht mit wenig Worten wird zur vermeintlichen Abwertung. Ein Kompliment prallt ab oder wird sofort relativiert. Die dritte Frage was denken andere tatsächlich wird selten wirklich geprüft.
Welche deiner Selbstbilder stammen wirklich aus Rückmeldungen anderer und welche aus deinem eigenen Echo?
In einer Welt mit sozialen Medien kann sich dieser Echoraum noch verstärken. Algorithmen zeigen dir bevorzugt das, was zu deinen bisherigen Reaktionen passt. Likes können sich anfühlen wie kurze Resonanzimpulse, sind aber oft nur Rückmeldungen auf das Bild, das du ohnehin nach außen gibst. Wirkliche Begegnung entsteht dort, wo auch Ungeplantes, Irritierendes, Ehrliches Platz hat.
Wenn du immer schon vorher weißt, wie andere reagieren werden, lebst du wahrscheinlich mehr im Echo als in Resonanz.
Der Unterschied zur Resonanz ist fein, aber wichtig. In Resonanz zu sein bedeutet, offen zu bleiben für Antworten, die du nicht vollständig kontrollieren kannst. Es bedeutet, dein eigenes Echo zu kennen und trotzdem neugierig zu bleiben, was wirklich beim anderen ankommt. So kann sich dein Selbstbild erweitern, statt nur immer wieder das Alte zu wiederholen.
Resonanz in der Praxis Vom Konzept in den Alltag
Zusammenfassung der Kernbotschaft
Wenn du den Weg durch diesen Artikel noch einmal innerlich nachzeichnest, ergibt sich ein roter Faden.
Dein Gehirn ist mit Resonanzfähigkeit ausgestattet. Netzwerke wie die Spiegelneuronen sorgen dafür, dass du andere Menschen und Stimmungen nicht nur siehst, sondern innerlich mit erlebst.
Auf dieser biologischen Grundlage entsteht Resonanz als Beziehungsmodus zwischen dir und der Welt.
Resonanz bedeutet, dass du dich berühren lässt, eine innere Antwort findest und erlebst, dass diese Antwort etwas bewegt.
Entfremdung beschreibt den Zustand, in dem die Welt stumm wirkt und deine Fragen ins Leere laufen.
Echo beschreibt den inneren Raum, in dem du hauptsächlich deine eigenen Überzeugungen über dich selbst zurückhörst.
Wenn Resonanz über längere Zeit brüchig wird und Entfremdung und Echo die Oberhand gewinnen, können sich aus einer zunächst feinen Dysbalance echte Störfelder entwickeln, die später als Burnout oder depressive Störung benannt werden.
Resonanz verbindet deine Biologie, deine Beziehungen und dein Erleben. Wo sie fehlt, meldet sich dein System mit deutlichen Signalen.
Der erste Schritt ist deshalb nicht, dich zu optimieren, sondern zu bemerken, wo du schon Resonanz erlebst und wo sie fehlt. Im Alltag kannst du beginnen, diese Momente gezielt wahrzunehmen und ihnen mehr Raum zu geben.
Konkrete Resonanzübungen für den Alltag
Resonanz lässt sich nicht herbeizwingen, aber du kannst Bedingungen schaffen, in denen sie eher spürbar wird. Die folgenden Übungen sind keine Tests, die du bestehen musst, sondern Einladungen, dein eigenes Erleben genauer kennenzulernen.
Übung Sinnesresonanz
Eine erste, einfache Möglichkeit, Resonanz in dir wieder wahrzunehmen, ist über deine Sinne zu gehen. Nicht über andere Menschen, sondern über etwas, das nichts von dir will und dich nicht bewertet.
Such dir dafür eine Sache aus, die du gerade wirklich zur Verfügung hast. Vielleicht dein Lieblingstee, die Wärme der Sonne auf deiner Haut oder ein vertrauter Duft, zum Beispiel ein blumiges Aromaöl fürs Herz oder ein frischer Zitrusduft für einen klaren Kopf. Entscheide dich für eine dieser Erfahrungen und bleib für diese Übung ganz bei dieser einen.
Nimm dir dann ein paar Atemzüge Zeit und richte deine Aufmerksamkeit zuerst nach außen. Wenn du Tee trinkst, spür den Kontakt der Tasse in deiner Hand und den Geschmack auf deiner Zunge. Wenn die Sonne auf deine Haut scheint, nimm wahr, wo genau du die Wärme spürst. Wenn du einen Duft gewählt hast, bemerke, wie er in deiner Nase ankommt und welche Erinnerungen oder Stimmungen vielleicht kurz aufsteigen.
Danach wendest du dich nach innen. Bemerke, ob sich dein Atem verändert. Ob es irgendwo im Körper ein wenig weiter oder voller wird oder ob du eher Spannung, Druck oder gar nichts Besonderes wahrnimmst. Es geht nicht darum, dass sich etwas sofort gut anfühlt oder besonders tief. Es reicht, dass du bemerkst, dass dein Körper auf diesen Sinneseindruck irgendwie reagiert oder auch nicht.
Auf diese Weise beginnst du, dein feines Mitschwingen wieder zu spüren, ohne dich an andere Menschen anpassen zu müssen. Du übst Resonanz mit etwas, das sicher ist, einfach da ist und dir erlaubt, in deinem eigenen Tempo zu spüren.
Übung Auf die Antwort der Welt hören
Wähle eine Alltagssituation, zum Beispiel wenn du eine Tasse Kaffee trinkst, ein Fenster öffnest oder einen Baum anschaust, und frage dich kurz. Wie antwortet mir die Welt gerade? Nimm Geräusche, Licht, Temperatur und deinen Körper wahr, ohne etwas verändern zu müssen. Es reicht zu registrieren, dass dein System reagiert.
Übung FragenkaskadeErinnere dich an eine konkrete Situation, in der du dir viele Gedanken darüber gemacht hast, was andere wohl von dir denken, und lege die drei Fragen nacheinander vor dich hin.
Was denke ich über mich?
Was denke ich, was andere über mich denken?
Was weiß ich wirklich darüber, was andere denken?
Oft wirst du spüren, dass der zweite Schritt vor allem aus alten Sätzen und Ängsten besteht und der dritte erstaunlich dünn bleibt.
Jede dieser Übungen ist eine Einladung, dein inneres Echo von echter Resonanz zu unterscheiden, ohne dich dafür zu verurteilen.
Wenn du möchtest, kannst du dir dafür kleine Resonanzinseln in deinen Tag legen. Nicht als weiteres To do, sondern als kurze Rückkehr zu dir selbst. Manche Menschen nutzen dafür eine Minute bewusste Körperwahrnehmung, andere einen Atemzug am offenen Fenster oder ein kurzes Innehalten vor einer Entscheidung. Du kannst mit der Zeit herausfinden, was deinem System guttut.
Resonanz Dysbalance und Zeitpunkt für Hilfe
Resonanzübungen sind kein Allheilmittel und sie ersetzen keine Behandlung. Sie können dir helfen, feiner wahrzunehmen, wo du gerade stehst. Manchmal zeigt sich dabei, dass es nicht nur um einzelne stressige Tage geht, sondern um eine länger anhaltende Resonanzdysbalance.
Warnsignale können zum Beispiel sein, dass du dich über Wochen oder Monate innerlich leer fühlst, dich kaum noch auf Dinge freust, die dir früher wichtig waren, oder dich wie im Autopilot durch deinen Alltag bewegst. Vielleicht merkst du, dass du dich immer mehr zurückziehst, schneller gereizt bist, schlechter schläfst oder morgens kaum aus dem Bett kommst. Vielleicht funktionieren deine Strategien, dich zusammenzureißen, nur noch mit sehr hohem Kraftaufwand.
In solchen Phasen ist es kein Zeichen von Schwäche, Unterstützung zu suchen, sondern ein Ausdruck von Selbstfürsorge. Das kann ein Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt sein, mit einer psychotherapeutisch arbeitenden Person, einer Beratungsstelle oder einer anderen Fachperson, der du vertraust. Je früher du Signale ernst nimmst, desto mehr Spielraum hast du, bevor dein System in den Notbetrieb rutscht.
Auch hypnotherapeutische Verfahren können dabei helfen, Resonanz wieder aufzubauen. Zum Beispiel, indem du in einem geschützten Rahmen lernst, innere Bilder, Körperempfindungen und Gefühle so wahrzunehmen, dass sie dir Orientierung geben, statt dich zu überfluten. In meiner Praxis Hypnotherapie Bannasch in Hannover arbeite ich genau an diesen Punkten. Wichtig ist mir dabei, dass du in deinem Tempo gehst und deine inneren Grenzen respektiert werden.
Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, dass du versagt hast. Es bedeutet, dass du deine Resonanzachse ernst nimmst.
Wenn du dich in den beschriebenen Erfahrungen wiedererkennst, kann dieser Artikel ein erster Orientierungspunkt sein. Die eigentliche Veränderung entsteht jedoch in den vielen kleinen Schritten im Alltag und, wenn nötig, in einer verlässlichen therapeutischen Begleitung.
Häufige Fragen und Einladung
Zum Abschluss noch ein kurzer Blick auf Fragen, die in meiner Arbeit rund um Resonanz immer wieder auftauchen.
Was ist der Unterschied zwischen Resonanz und Empathie?Empathie beschreibt in erster Linie die Fähigkeit, Gefühle anderer nachzuempfinden. Resonanz meint den lebendigen Austausch zwischen dir und der Welt. Es reicht nicht, mitzuschwingen, wichtig ist, dass du eine eigene Antwort findest und erlebst, dass sie etwas bewegt.
Kann ich Resonanz mit dem Gesetz der Anziehung vergleichen?Auf den ersten Blick klingt das ähnlich. In der Resonanztheorie geht es jedoch nicht darum, durch Gedanken die Realität zu steuern. Es geht um Beziehung. Du sendest nicht einfach etwas aus und wartest auf Erfüllung, sondern trittst in einen Dialog mit der Welt. Resonanz ist kein Wunschkonzert, sondern ein Antwortgeschehen, das dich manchmal bestätigt und manchmal auch irritiert.
Welche Rolle spielt die Beschleunigung der Gesellschaft für Resonanz?Wenn Zeit ständig knapp ist und du das Gefühl hast, immer hinterher zu sein, bleibt wenig Raum für die leisen Signale von Resonanz. Beschleunigung führt dazu, dass du vor allem funktionierst und reagierst. Resonanzmomente brauchen kurze Inseln von Unverfügbarkeit, in denen du nicht sofort eine Aufgabe abhakst, sondern wahrnimmst, was das, was du tust, in dir auslöst.
Gibt es einen klinischen Gegensatz zu Resonanz?In der Fachsprache gibt es Begriffe wie Affektinkongruenz oder Parathymie, wenn sichtbare Emotion und inneres Erleben nicht zusammenpassen. Zum Beispiel, wenn jemand lacht, während er von etwas sehr Schmerzhaftem erzählt und dabei innerlich kaum Berührung zeigt. Oder wenn jemand von etwas Schönem berichtet, nach außen lächelt und innerlich keine wirkliche Freude erleben kann. Für den Alltag reicht oft das Bild, dass etwas nicht stimmig wirkt, weil kein echtes Mitschwingen spürbar ist.
Zum Schluss eine Einladung. Vielleicht magst du in den nächsten Tagen auf einen Moment achten, in dem du dich resonant erlebt hast. Oder auf eine Situation, in der dir plötzlich bewusst wurde, wie laut dein inneres Echo ist.
Impuls für heute. Ein leises Ja zu einem Moment, in dem du dich wirklich berührt fühlst, und ein sanftes Nein zu einer Situation, in der du nur funktionierst.
Wenn du möchtest, kannst du deine Beobachtungen zunächst nur für dich notieren. Wenn du magst, schreib mir, welcher Satz dich entlastet hat. Wenn du Begleitung willst, begleite ich dich in deinem Tempo. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo du deinem eigenen Erleben wieder eine Stimme gibst.
Weiterlesen
Wenn du weiter in das Thema einsteigen möchtest, findest du in meinem Blog Beiträge, die Resonanz, innere Leere und Funktionieren aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, zum Beispiel Warum und Wozu, zum Artikel Weg von und Hin zu, die Dopamin Reihe, False Memory Effekt.
Über die Autorin
Vicdan Bannasch ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hypnotherapeutin. In ihrer Praxis Hypnotherapie Bannasch in Hannover arbeitet sie traumasensibel, ressourcenorientiert und neurobiologisch fundiert. Ihre Schwerpunkte sind posttraumatische Belastungsstörungen PTBS, Ängste, Depressionen, Zwangssymptome, ADHS, Schlafstörungen, Schmerzstörungen und Trauerbegleitung. Mehr unter hypnotherapie-bannasch.de. Zuletzt aktualisiert am 28.11.2025.
Sanft im Prozess. Kraftvoll im Ergebnis.
Weiterführende Quellen
Zum Weiterlesen kannst du zum Beispiel folgende Werke nutzen.
Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. Online unter: https://www.suhrkamp.de/buch/hartmut-rosa-resonanz-t-9783518298725
Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia: Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. Online unter: https://www.suhrkamp.de/buch/empathie-und-spiegelneurone-t-9783518260111
Joachim Bauer: Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. Blessing Verlag, München 2019. Online unter: https://www.penguin.de/buecher/joachim-bauer-wie-wir-werden-wer-wir-sind/buch/9783896676207
Darüber hinaus gibt es wissenschaftliche Artikel, die die im Text beschriebenen Zusammenhänge vertiefen.
Giacomo Rizzolatti, Luciano Fadiga, Vittorio Gallese, Leonardo Fogassi: Premotor cortex and the recognition of motor actions. Cognitive Brain Research, Band 3, Seiten 131 bis 141, 1996. Online unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8713554/
Hyeonjin Jeon, Seung Hwan Lee: From neurons to social beings. Short review of the mirror neuron system research and its socio psychological and psychiatric implications. Clinical Psychopharmacology and Neuroscience, Band 16, Seiten 18 bis 31, 2018. Online unter: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5810456/
Soukayna Bekkali und Kolleginnen: Is the putative mirror neuron system associated with empathy Eine Systematic Review und Meta Analysis. Neuropsychology Review, Band 31, Seiten 14 bis 57, 2021. Online unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s11065-020-09452-6
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Wichtiger Hinweis. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, keine Kommentarfunktion zu verwenden, um deine Daten bestmöglich zu schützen. Wenn du mir deine Gedanken, Fragen oder Erkenntnisse zu diesem Beitrag mitteilen möchtest, schreib mir gern eine Mail. Ich freue mich auf deinen persönlichen Austausch.



