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False Memory Effekt wie Vorstellung zum Erinnerungsfehler wird

  • Autorenbild: Vicdan Bannasch
    Vicdan Bannasch
  • 16. Nov. 2025
  • 20 Min. Lesezeit

Einleitung

Wir haben uns daran gewöhnt, fast immer ein Haar in der Suppe zu finden. Wenn wir mal keins finden, schütteln wir beim Suchen den Kopf und tata, fällt eins hinein. Dann sagen wir, ich wusste es doch, da ist es. Dieses kleine Schmunzeln zeigt, wie unser inneres Kino arbeitet. Wir sehen, was wir erwarten, und ergänzen, was in das Bild passt. Genau hier beginnt der False Memory Effekt. Nicht als Vorwurf, sondern als Einladung, freundlich hinzuschauen, wie Gehirn, Körper und Bedeutung miteinander spielen.

Bevor wir tiefer gehen, klären wir in zwei Sätzen, was damit gemeint ist.


False Memory Effekt kurz erklärt

Nahes Gesicht hinter leicht beschlagenem Glas. Erinnerung plausibel und lückenhaft.
Erinnerung hat Lücken

Der False Memory Effekt heißt nicht, dass du dir etwas ausdenkst. Er beschreibt, wie dein Gehirn beim Erinnern aus echten Bruchstücken eine stimmige Geschichte formt. Manchmal mischen sich innere Bilder, Worte und Erwartungen hinein und es fühlt sich wahr an, obwohl es anders war. Das ist menschlich und darf freundlich betrachtet werden.


Wozu dieser Text dir hilft

Dieser Text will entlasten und befähigen. Entlasten, weil Erinnerung keine perfekte Aufzeichnung ist. Befähigen, weil du dein inneres Bild lenken kannst und damit deine Reaktion. Es geht nicht darum, ob du dir etwas einbildest. Es geht darum, wie Gehirn, Körper und Bedeutung zusammenarbeiten und wie du das für Ruhe, Klarheit und Selbstwirksamkeit nutzen kannst. Neurobiologisch stabilisieren sich neue Bahnungen durch regelmäßige Übung über zehn bis zwölf Wochen.

Deine Wirklichkeit zählt. Was du hier liest, schenkt Orientierung und ersetzt keine individuelle Begleitung. Nimm dir, was dir guttut, und bleib freundlich mit dir.

Die Bausteine der Erinnerung

Erinnern ist Teamarbeit, kein Soloprojekt. Hippocampus, Kortex, Amygdala und die präfrontale Steuerung geben zusammen dem Erlebten Form, Bedeutung und Richtung.


Hippocampus und Index

Der Hippocampus ist der Bibliothekar deiner Erinnerung. Er verknüpft und archiviert Eindrücke zu einer Szene und legt einen Wegweiser an, damit du sie später wiederfindest.

Stell dir ein stilles Archiv vor, Regale voller Bücher deines Lebens. Der Bibliothekar steckt nur kleine Indexkarten an die Buchrücken, die Ort, Zeit und Kontext verknüpfen. Wenn Geschichten oft erzählt werden, stehen sie vorn im Regal, selten erzählte wandern weiter nach hinten. Erinnerung ist eine Bibliothek, kein Laufband.

Der Hippocampus ist der Index. Er weiß, wo die Erfahrung steht.

Kortexnetzwerke malen das Bild

Die Kortexnetzwerke der Großhirnrinde tragen die eigentlichen Details, vom visuellen Kortex bis zu Arealen für Sprache und Körpergefühl. Holst du den Wegweiser aus dem Hippocampus, setzen sie die Bruchstücke erneut zusammen. Obwohl die Szene gespeichert ist, kann sie sich jedes Mal anders zeigen, je nach Stimmung und Kontext. Erinnerung ist kein starres Fotoalbum, sondern ein lebendiges Kunstwerk. Bei jedem Abruf legt das Gehirn neue Schichten und Farben darüber.

Erinnerung ist Malerei. Das Gehirn legt jedes Mal neue Farben auf.

Amygdala und Bedeutung

Die Amygdala etikettiert zuerst alles, was du siehst, hörst, fühlst, schmeckst und riechst, egal ob bewusst oder unbewusst. Sie wirkt wie ein innerer Filter, der fortlaufend emotionale Bedeutung vergibt. Bei scheinbar Ähnlichem greift sie auf frühere Erfahrungen zurück und prüft die Aktualität nur wenig.

Das gilt bei Gefahr ebenso wie bei Verliebtheit, beides läuft über die Amygdala und braucht keine lange Prüfung. Sie etikettiert, was bedeutsam war, damit es schneller gefunden wird. Stell sie dir wie ein Etikettiergerät vor, das nach Gefühl stempelt. Der Stempel kann heute stark sein, auch wenn der Kontext sicher ist, weil sich die Szene damals nur intensiv anfühlte.

Die Amygdala stempelt nach Gefühl, nicht nach Kontext.

Präfrontale Steuerung

Die präfrontale Steuerung ist dein innerer Coach, der Klarheit schafft. Getragen wird sie hauptsächlich von den vorderen Arealen deines Gehirns, dem präfrontalen Kortex und dem cingulären Kortex. Diese Netzwerke helfen dir, emotional zu unterscheiden, was nur eine alte Geschichte ist, was eine zukünftige Sorge ist oder was wirklich in diesem Moment geschieht. Sie bringen den Blick von innen nach außen zurück in die aktuelle Situation.

Der Coach unterscheidet. Er bringt Klarheit in die Geschichte.

Rekonsolidierung beim Abruf

Beim späteren Erinnern entsteht eine neue Version des Erlebten. Sprache, Erwartung und Stimmung können Lücken füllen.

Erinnerung verhält sich wie Ton, der wieder weich wird, sobald du ihn anfasst. Formst du ihn behutsam in Gegenwart von Sicherheit, nimmt er eine freundlichere Form an.

Was du in Sicherheit berührst, kann sich neu ordnen.

Stress und Neurohormone im Alarmmodus


Alarmkette im Gehirn

Meldet die Amygdala hohe Relevanz, aktiviert sie den Locus coeruleus im Hirnstamm, ein kleines Aufwachzentrum, das Noradrenalin freisetzt und deine Aufmerksamkeit schärft. So richtet sich dein Fokus wie unter einer Lupe auf das, was jetzt wichtig erscheint. Der Thalamus wirkt dabei wie ein Tor und lässt bevorzugt Reize passieren, die zur Erwartung passen.

Es ist wie bei meinen Fenstern: Ich mag Fensterputzen nicht. Die Amygdala hat die Aufgabe als inneres Nein etikettiert, ohne zu differenzieren, ob es sich um schlichtes Fensterputzen oder eine reale Überlebensgefahr handelt. Die dadurch erzeugte emotionale Ablehnung ist die erwartete Realität für den Thalamus. Obwohl ich rational weiß, dass es Zeit wäre, sie zu putzen, und ich mich über den Schmutz ärgere, bestärkt der Thalamus die Erwartung des Missstandes. Unangenehmes Gefühl und Vermeidung rücken in den Vordergrund. Meine Ablehnung führt zur tiefen Lähmung. Die Amygdala zeigt mir nur den Missstand, aber sie bahnt noch keinen Weg zur Tat.

Keine Unterscheidung. Die Etikettierung stoppt die Tat.

Stresshormone und Tunnelblick

Adrenalin stammt aus dem Nebennierenmark, Noradrenalin aus Nervenenden und dem Hirnstamm, Cortisol aus der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Wofür sind diese Hormone gut? Sie bündeln deine gesamte Energie und Aufmerksamkeit auf das Überleben. Dieser sogenannte Tunnelblick ist keine Störung, sondern ein lebensrettender Filter. Er sorgt dafür, dass du nur die unmittelbare Gefahr wahrnimmst. Alles Nebensächliche wie Blumen oder Vogelzwitschern wird ausgefiltert, damit du sofort reagieren kannst.


Es ist wie eine Lupe in der Sonne. Hältst du sie zu nah und ohne Bewegung, wird es brenzlig und der Punkt erhitzt sich schnell. Nimmst du Abstand und bewegst die Lupe, verteilt sich das Licht und der Rest der Szene taucht wieder auf. Der Nutzen dieser starken Bündelung ist akuter Schutz. Der Preis ist, dass der Blick verengt bleibt, wenn die Gefahr vorüber ist.

Zu nah gebündeltes Licht wird brenzlig. Mit Abstand wird der Blick wieder weit.

Präfrontale Steuerung und Hypervigilanz

Die präfrontalen (vorderen) Steuerungsnetzwerke im Stirnhirn helfen dir normalerweise, zu ordnen und zu bremsen. Stell dir deinen inneren Alarm wie einen überwachsamen Wachhund vor, der schon den Briefträger anbellt, obwohl dieser gar nicht auf das Grundstück kommt. Er reagiert schneller als nötig, weil seine eigene Schwelle niedrig ist. Wenn du ihm ruhig sagst, dass er jetzt ruhen darf, und ihm einen sicheren Ort zeigst, beruhigt er sich. So ähnlich reagiert dein System auf dauernde Bedeutsamkeitssignale.

Benenn Sicherheit und der innere Wachhund kommt zur Ruhe.

Bei Stress arbeiten diese Steuerungsnetzwerke leiser. Gleichzeitig wird das Salienznetzwerk mit vorderer Insel und vorderem cingulären Kortex lauter. Das ergibt Hypervigilanz: Der Blick springt und der Körper bleibt auf Empfang, auch wenn keine reale Gefahr mehr da ist.

Hypervigilanz sucht ständig nach Gefahr. Wenn du Sicherheit benennst, darf sie leiser werden.

Hippocampus, Kontext und Rekonsolidierung

Der Hippocampus ist das Zentrum, das Ort, Zeit und Kontext an deine Erinnerungen bindet. Er sorgt dafür, dass du Erlebtes präzise einordnen kannst. Doch unter starkem Stress, ausgelöst durch die Freisetzung von Noradrenalin und Cortisol, verschiebt sich seine Arbeitsweise.


Die feine Unterscheidung ähnlicher Muster wird schwächer, da die Amygdala Bedeutung verstärkt, während die präfrontale Steuerung bremst. Die Folge ist, dass dein Gehirn Ort, Zeit und Quelle unpräziser bindet. Musterergänzung überwiegt. Ähnliche Hinweise werden leichter als dasselbe einsortiert. So fühlt sich Verschiedenes gleich an und Alarm generalisiert schneller.


Die gute Nachricht ist, dass die Spur jedes Mal, wenn du eine Szene abrufst, kurz weich wird, bevor das Gehirn sie danach wieder festschreibt. Was du in diesem Rekonsolidierungsfenster in Sicherheit fühlst und denkst, mischt sich in diese neue Version ein und wird Teil der Erinnerung. Genau hier wirkt die Arbeit mit sicheren inneren Bildern, um die alte Szene sanft zu aktualisieren.

Im Rekonsolidierungsfenster darf sich die alte Szene neu sortieren, wenn die Gegenwart sicher ist.

Beruhigung und Weitung

Wenn Atmung länger ausfließt und du Kontakt zum Körper aufnimmst, stärkt das den Vagus. Der Alarm sinkt, die präfrontale Steuerung kommt zurück, die Wahrnehmung weitet sich. Der Tunnelblick löst sich und mit ihm die Tendenz zur Hypervigilanz. Die konkrete Atemübung findest du unten im Abschnitt Übungen. Dort kannst du den Rechteck Atem wählen mit kurzen Seiten zum Einatmen und langen Seiten zum Ausatmen. Oder den Zähl Atem mit zwei bis vier Zählzeiten länger aus als beim Einatmen.

Alarm verengt Wahrnehmung. Sicherheit weitet sie.

Vorstellung löst echte Körperreaktionen aus

Du liest diese Zeilen und stell dir eine grüne Schultafel vor. Du siehst in deinen Gedanken, wie jemand mit den Fingernägeln darüber fährt.


Kein Ton im Raum und doch verzieht sich dein Gesicht, Schultern ziehen hoch, der Kiefer wird fest. Dieses kleine Experiment zeigt, wie nah Vorstellung und Erinnerung beieinander liegen. Dein Gehirn reagiert nicht nur auf das, was draußen geschieht, sondern auf Bedeutung. Wenn ein inneres Bild stark genug ist und vertraut wirkt, feuern Netzwerke, die auch beim realen Erleben aktiv sind. Herzschlag, Muskeltonus und Atem antworten, als geschähe es jetzt.


Das ist keine Schwäche, sondern eine Ressource. Dieselbe Kraft, die Alarm auslösen kann, kann auch Sicherheit aufbauen. Wenn du das innere Bild bewusst veränderst, verändert sich deine Reaktion. Statt der rauen Tafel ein weicher Filz. Statt Anspannung atme länger aus. Statt Enge eine warme Hand auf dem Brustbein. So lernt dein Nervensystem, auch auf innere Bilder mit Ruhe zu antworten.

Dein Körper glaubt starken Bildern. Wähle ein Bild, das dir gut tut.

Vorstellung und Erinnerung im Vergleich

Manchmal denkt dein Geist so klar in Bildern, dass dein Körper antwortet, als wäre es geschehen. Ein Gedanke wird zum Puls. Ein inneres Bild wird zu kalten Händen. Ein einziges Was wäre wenn und schon zieht der Magen zusammen. Dein Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen dem, was außen passiert, und dem, was innen lebendig vorgestellt wird. Es arbeitet mit Mustern und Bedeutung. Bekommt es ein starkes Bild, eine dichte Szene, eine vertraute Spur von früher, reagiert es mit echten Signalen. Das ist kein Als ob, sondern echte Signale.


Neurobiologisch lässt sich das schlicht fassen. Vorstellung aktiviert viele der Netzwerke, die auch bei realem Erleben feuern. Sensorische Areale, motorische Pläne, die alte Alarmlinie im Stammhirn, die Bedeutungsspur im limbischen System. Darum kann ein bloßer Gedanke Wärme in die Brust bringen. Erinnerung und Vorstellung sind eng verwandt. Der Unterschied ist nicht das Feuer an sich, sondern wie sehr du ihm glaubst.

Wenn das Vertrauen in die innere Szene hoch ist, fühlt es sich an wie wahr.

Therapeutisch ist das eine Chance. Was dich getriggert hat, kann dich auch beruhigen. Wenn dein inneres Kino dich in Angst versetzt, kann es dich ebenso in Sicherheit begleiten. Du kannst lernen, das innere Bild bewusst zu lenken. Atmen. Verlangsamen. Eine Szene entwerfen, die Halt gibt. Eine Stimme, die dir gut tut. Ein Körper, der weiß, wie sich Entspannung anfühlt. Je häufiger du diese Spur gehst, desto leichter findet dein Nervensystem sie wieder.

Manchmal braucht dein Körper kein Außen, um zu glauben. Er glaubt dem Bild.

Eine kleine Übung für heute. Setz dich bequem hin. Schließe die Augen. Stell dir vor, wie eine warme Hand auf deiner Brust ruht. Spür die Schwere der Hand. Atme tiefer aus als ein. Drei Züge lang. Stell dir dann ein Zimmer vor, in dem du dich sicher fühlst. Achte auf Licht, Geruch, Temperatur. Bleib einen Moment. Wenn Gedanken kommen, erkenne sie und kehre sanft zum Bild zurück. Öffne die Augen erst, wenn dein Atem ruhiger geworden ist. So trainierst du dein Gehirn, dass auch innere Bilder Sicherheit bedeuten dürfen.

Du kannst nicht immer steuern, was dein Gehirn erinnert. Aber du kannst wählen, was du ihm heute zeigst.

Zeugenaussagen und False Memory bei Unfällen

Farbe und Suggestion

Stell dir eine Unfallszene vor. Zwei Autos. Gelb und Blau. Später fragt jemand nach dem roten Auto. Und plötzlich ist es da. Viele erinnern das Rot so lebhaft, als wäre es wirklich Teil des Geschehens gewesen. Ein einziges Wort reicht, damit sich die innere Szene verändert und als Erinnerung gespeichert wird. Das ist ein typisches Beispiel für den False Memory Effekt.


Neurobiologisch ist das schlüssig. Beim Erinnern werden die gleichen Netzwerke für Sehen und Bedeutung partiell reaktiviert, die auch beim ersten Sehen aktiv waren. Der Hippocampus ruft Muster ab und ergänzt Lücken mit dem Naheliegenden. Der visuelle Kortex malt Details dazu. Die Amygdala verstärkt, wenn Bedeutung oder Alarm im Spiel ist. Unter Einfluss von Aufmerksamkeit, Sprache und Erwartung wird die Szene beim Abruf neu geschrieben. Das nennt man Rekonsolidierung. So kann ein nachträglich genanntes Rot in die Erinnerung übergehen, obwohl es nie am Ort des Geschehens war.

Nicht alles, was sich erinnert anfühlt, wurde erlebt. Und nicht jedes Detail, das du klar siehst, war wirklich da.

Wenn Erinnerung nicht kommt

Viele Menschen glauben, fehlende Kindheitserinnerungen seien ein Beweis für Verdrängung. Das muss nicht stimmen. Häufig ist es normale Neurobiologie. In den ersten Lebensjahren reift der Hippocampus noch. Er ordnet Erlebnisse erst nach und nach so, dass sie später bewusst abrufbar sind. Vieles wird implizit gespeichert, also als Körperwissen, als Stimmung, als Beziehungsmuster. Mit der Zeit wandern Inhalte in tiefer liegende Netzwerke der Großhirnrinde. Sie sind nicht weg. Sie sind nur nicht ohne Weiteres sprachlich verfügbar. Die Amygdala vergibt dabei Etiketten vor allem nach der Intensität des emotionalen Erlebens und nicht nach dem heutigen Kontext, deshalb können sich alte Alarmmarkierungen melden, obwohl es jetzt sicher ist.

Unabhängig von der jeweiligen Situation kann die Amygdala Erlebnisse nach ihrer gefühlten Bedeutung gesondert etikettieren, sodass die Körperspur klar bleibt, die konkrete Szene aber schwerer bewusst wird.

Hinzu kommen einfache Gründe. Es gab wenig Wiederholung. Es fehlen Anker wie Sprache, Fotos oder Erzählrituale. Spätere Erfahrungen überlagern frühe Spuren. Und beim Abrufen schreibt das Gehirn Erinnerung jedes Mal ein wenig neu. All das erklärt Lücken, ohne dass Verdrängung im Spiel sein muss.

Nicht erinnert ist nicht gleich verdrängt. Manches liegt tiefer und zeigt sich als Gefühl, als Körperspur, als Beziehung.

Warum Geschwister sich unterschiedlich erinnern

Vielleicht kennst du das. Ein Kind kann den Urlaub bis ins Datum erzählen, die anderen erinnern eher Gerüche, Stimmungen, einzelne Bilder. Das ist normal. Gedächtnis ist kein Regal, in dem alle dasselbe ablegen. Es ist ein lebendiges Netz. Was oft erzählt wurde, bleibt leichter greifbar. Was Bedeutung hatte, prägt sich tiefer ein. Was nie in Worte kam, bleibt als Gefühl im Körper. Unterschiedliche Aufmerksamkeit, unterschiedliche Rollen in der Familie, unterschiedliche Erzählrituale, all das macht aus Erinnerungen sehr verschiedene Landkarten. Das sagt nichts Schlechtes über ein Kind aus. Es zeigt nur, wie vielfältig Gehirne arbeiten.

Nicht jedes Kind erinnert gleich. Jedes erinnert echt, nur auf eigene Weise.

Warum das Gehirn Details ergänzt

Dein Gehirn wartet nicht passiv auf Wirklichkeit. Es macht Vorschläge. Aus Erfahrung, Mustern und Erwartung erzeugt es ein Bild davon, was wahrscheinlich gleich zu sehen ist. Wenn echte Reize kommen, gleicht es ab und füllt Lücken. Das spart Zeit und Energie. Der Hippocampus sucht vertraute Muster, der Kortex liefert passende Schablonen, die Amygdala markiert, was wichtig erscheint. So entstehen aus Bruchstücken stimmige Szenen. Stimmig heißt nicht automatisch richtig. Es heißt nur, dass das Bild für dich Sinn ergibt.

Beim Erinnern passiert dasselbe noch einmal. Abrufen ist kein Abspielen. Es ist ein erneutes Zusammensetzen. Worte, die du hörst, Bilder, die du dir vorstellst, die Stimmung in dir, all das mischt sich in die Szene. Genau darum können kleine Hinweise im Nachhinein Details färben oder hinzufügen.

Das Gehirn ergänzt, um Sinn zu bauen. Nicht um zu täuschen, sondern um dich schnell handlungsfähig zu machen.

Erinnerung als Schutz

Person hüllt sich in eine Decke aus Buchseiten. Das Bild zeigt Geborgenheit als Schutz, nicht als Beweis.
Scheinbare Wärme und Geborgenheit

Erinnerung will dich nicht prüfen. Sie will dich schützen. Sie bewahrt den roten Faden deiner Geschichte, auch wenn einzelne Fäden fehlen. Unter Stress zieht sie die Linie straffer, damit du schneller reagieren kannst. So entsteht ein Bild, das dir Halt gibt, selbst wenn es nicht jede Einzelheit korrekt abbildet. Das ist keine Schwäche. Es ist eine kluge Anpassung. In Therapie würdigen wir diese Schutzleistung und zeigen deinem Nervensystem, wie Sicherheit heute aussieht, damit das Bild weicher werden darf.

Dein Gedächtnis ist Schutz, kein Richter. In Sicherheit darf die Szene weicher werden.

Gefühlsbrillen und Wahrnehmungsfilter


Rosarote Brille und Alarmbrille

Stell dir Gefühle wie Brillen vor. Verliebte kennen die rosarote. Mit ihr wirkt die Welt weicher. So gibt es auch eine Brille der Angst, die auf Gefahr scharf stellt und Unbedenkliches ausblendet. Eine Brille der Wut, die Ungerechtigkeit überall erkennt. Eine Brille der Trauer, die Abschiede lauter macht als Anfänge. Diese Brillen sind keine Fehler. Sie sind Schutz und Auswahl. Sie helfen dir, in einer Flut von Reizen das Wichtige zu finden. Der Preis ist, dass anderes unscharf wird oder fehlt.

Therapeutisch heißt das, wir prüfen erst die Brille, bevor wir das Bild beurteilen. Welche Stimmung trägst du gerade? Welche Geschichte von früher färbt jetzt mit? Was wäre, wenn du für einen Moment eine andere Brille aufsetzt? Zum Beispiel die der Neugier. Du musst nichts löschen. Du fügst nur eine zweite Sicht hinzu. So wird das Bild runder und du kannst freier wählen, was du glaubst und wie du handelst.

Gefühle sind Brillen. Erkennst du die Brille, verstehst du das Bild.

Farbrillen zeigen Wahrnehmungsfilter

In meinen Sitzungen nutze ich Farbrillen als kleine Wahrnehmungsübung. Du setzt eine Farbe auf und schaust dich im Raum um. Plötzlich wirkt die gleiche Umgebung anders. Kontraste kippen. Manches leuchtet, anderes verschwindet. Details, die eben noch wichtig schienen, werden verschluckt. So spürst du direkt, was eine Brille der Wahrnehmung bedeutet.

Neurobiologisch spielen einfache Mechanismen mit. Das visuelle System passt sich an Farbdominanzen an. Aufmerksamkeit folgt dem, was im Moment Bedeutung trägt. Was nicht in dieses Muster passt, rutscht nach hinten. Das ist kein Fehler. Das ist effiziente Verarbeitung. Es erklärt, warum zwei Menschen im selben Raum Unterschiedliches berichten und warum innere Brillen wie Angst oder Trauer Szenen färben können.

Wir sehen nicht, was ist. Wir sehen, was die Farbe unserer Brille uns zeigt.

Wahrnehmung und eigene Wahrheit

Für mich gibt es nicht die eine Wahrheit. Wir nehmen das für wahr, was wir wahrnehmen, und das ist dann unsere Wahrheit. Und Wahrnehmung ist beweglich. Sie hängt von Verfassung, Erwartung, Gefühlen und Kontext ab. Darum wirkt derselbe Film beim zweiten Sehen anders. Darum entdeckst du beim dritten Lesen eines Buches Details, die dir vorher entgangen sind. Nicht weil sie neu wären, sondern weil du anders schaust.

Neurobiologisch arbeitet dein Gehirn vorhersagend. Es macht Vorschläge und gleicht sie mit Reizen ab. Aufmerksamkeit lenkt den Scheinwerfer, Bedeutung entscheidet, was im Licht steht. Was gerade nicht passt, bleibt im Schatten. Später, mit anderer Stimmung oder Frage, rückt ein anderes Detail in den Fokus. So entstehen verschiedene, aber jeweils stimmige Wirklichkeiten.

Wahr ist, was wir wahrnehmen. Und Wahrnehmung bewegt sich.

Beispiel

Du liest ein Buch zum zweiten Mal und plötzlich berührt dich eine Nebenfigur, die du beim ersten Lesen übersehen hast. Nicht das Buch hat sich verändert. Du hast dich verändert. Deine Fragen heute lenken deinen Blick anders.


Frage zum Mitnehmen

Welche Brille trägst du gerade? Wenn du sie benennst, was siehst du zusätzlich, das eben noch im Schatten lag.

Risiken und Grenzen des False Memory Effekts

Selbst- und Ferndiagnosen aus Posts können innere Bilder wie Wahrheiten wirken lassen und das Leiden in eine falsche Richtung lenken. Suggestive Fragen in sensiblen Zuständen erzeugen leicht scheinbar sichere Ursachen, die später wie Fakten erscheinen. Zeugnisse und Familienerzählungen verändern sich mit jeder Nacherzählung und schaffen Konflikte, obwohl niemand lügt. Unter Stress wird die innere Firewall durchlässiger, Nebenbei Botschaften setzen sich leichter fest und verstärken Alarm.

Nicht jede starke Erinnerung ist wahr. Nicht jede Unsicherheit ist falsch. Prüfe ruhig und freundlich.

Wenn du unsicher wirst, was hilft

Atme zuerst und spüre den Boden unter den Füßen. Löse die Zunge vom Gaumen und atme länger aus. Prüfe dann das Bild. Was wurde wirklich gesehen, was wurde erzählt, was wurde gefühlt. Entscheide dich für eine kleine, heute überprüfbare Beobachtung. Hole eine Person deines Vertrauens dazu und halte die Sprache klar. In der Therapie stützen wir zuerst Ressourcen und prüfen Ursachenbehauptungen mit Vorsicht.


Barnum Effekt und Horoskope

Der Effekt hat einen Namen. Barnum Effekt, auch Forer Effekt. Gemeint ist, dass wir sehr allgemeine Aussagen als erstaunlich treffend erleben, weil sie vage genug sind, damit sich fast jeder darin wiederfinden kann. In NLP wird das mit dem Milton Modell beschrieben, also mit weicher, mehrdeutiger Sprache, die dein Gehirn einlädt, eigene Bedeutungen zu ergänzen.


So klingt das in der Praxis

Du bist sensibel und stark zugleich, manchmal zu kritisch mit dir, brauchst aber auch Anerkennung. Du magst Menschen und brauchst Rückzug. Genau hier füllt dein Inneres die Leerstellen. Du findest Stellen, an denen das gerade heute stimmt. Das erzeugt das Gefühl von Genauigkeit.


Was wirkt im Hintergrund

Aufmerksamkeit sucht Bestätigung. Widersprechendes fällt leichter aus dem Blick. Die Aussage ist positiv und anschlussfähig. Dein Gehirn ergänzt das Passende aus deinem Leben. Damit fühlt es sich an, als sei es für dich geschrieben.

Allgemein genug wird persönlich. Je offener der Satz, desto mehr ergänzt dein Gehirn.

Therapeutische Einordnung

Wenn du weißt, wie dieser Effekt funktioniert, kannst du ihn freundlich nutzen. Formuliere für dich weiche, offene Sätze, die Ressourcen in dir ansprechen. Achte zugleich auf Konkretheit, wenn es um Entscheidungen geht. Offenheit für das Mögliche. Klarheit im Konkreten.

Bleib offen. Entscheide konkret.

Von der weichen Andeutung zur harten Zuschreibung

Im Feed wirken Barnum Muster. Aus weichen Andeutungen werden harte Urteile. Hast du dies, dann bist du das. Wenn du jenes fühlst, dann bist du sicher narzisstisch. Solche Sätze sind verführerisch, weil sie das Unklare ordnen. Sie sind aber oft zu grob und treffen zu viele Menschen zugleich. Sie lassen wenig Raum für deine Geschichte.


Warum das greift

Unser Gehirn liebt klare Deutungen. Bestätigungsneigung sucht Belege für das, was gerade plausibel klingt. Der Algorithmus verstärkt, was starke Reaktionen auslöst. So rutschen nuancierte Töne nach hinten und einfache Etiketten nach vorn. Aus Zuschreibungen werden scheinbare Gewissheiten.


Leitplanken für den Alltag

Wir gehen nicht in Schubladen wie narzisstisch oder nicht. Wir nehmen auch nicht jede Schwierigkeit als Beweis für ein schlimmes Kindheitserlebnis. Beides kann vorkommen, aber die Richtung ist eine andere. Wir schauen auf das, was du heute fühlst und wie dein Nervensystem gelernt hat zu schützen. Daraus entsteht ein Bild, das dir dient, nicht ein Etikett, das dich festhält.


Fragen statt Etiketten

Statt Etiketten stellen wir Fragen und bleiben bei dem, was spürbar ist. Wir schauen, was dir jetzt hilft, welche Brille du gerade trägst und welche kleine Handlung dich in Richtung Ruhe bringt. Wenn eine alte Spur sich meldet, wird sie gewürdigt, und wir suchen neue Wege. Ohne Urteil. Mit Neugier.

Etiketten geben scheinbare Sicherheit. Verständnis gibt dir Wahl.

Social Media Trends und falsche Erinnerungen


Wie Algorithmen Aufmerksamkeit verstärken

Gerade jetzt bekommen Posts viele Likes, die schnelle Erklärungen liefern.

Auf einem vollen Platz verhalten sich Algorithmen wie ein unartiges Kind, das laut wird, während das stille Kind übersehen bleibt. Das stille Kind braucht Nähe und Blickkontakt, damit seine leise klare Stimme gehört und anerkannt wird. Was laut ist und schnell Gefühle macht, rückt nach vorn. Das hat einen Preis. Mit der Zeit sickern solche Deutungen in dich ein. Du hörst sie oft genug, bis sie wie Wahrheit klingen. Dann folgt dein inneres Bild der Story und dein Leiden läuft in eine falsche Richtung. Statt zu spüren, was du heute brauchst, suchst du Belege für eine Fremderzählung.


Therapeutische Wende

Halte inne. Prüfe das Bild. Ist es deins oder geliehen? Spür die Füße auf dem Boden. Leg eine warme Hand auf dein Brustbein. Atme länger aus als ein. Frage dich, welche kleine Beobachtung heute überprüfbar ist. Und welche Handlung dir gut tut, ganz unabhängig von der großen Erklärung.

Wenn das Bild dich in Treibsand zieht, wechsle den Boden. Prüfe die Story, nicht deinen Wert.

Wie Suggestion im Alltag wirkt


Bahnung ohne bewusste Erwartung

Viele haben Angst vor Hypnose und merken nicht, wie oft sie sich selbst hypnotisieren. Ein kurzer Satz im Netz, ein Nebensatz im Radio, eine alarmierende Überschrift. Du denkst, das prallt an dir ab. In Wahrheit geht es oft an deiner inneren Firewall vorbei und setzt einen kleinen Marker im Gehirn. Später genügt ein ähnliches Wort und der Marker meldet sich. Spannung steigt, der Magen zieht sich zusammen. Das ist Bahnung. Dein Nervensystem ist unbewusst auf das Thema eingestellt. Später reichen passende Reize und das Netzwerk springt schneller an, auch wenn du die Quelle nicht erinnerst. Viele kennen das als Priming im NLP Kontext. Hier meine ich Bahnung ohne bewusste Erwartung.

Was du unbewusst hörst oder liest, bahnt den Weg für das, was du später fühlst.

Wann Bahnung zu Nocebo wird

Von Nocebo sprechen wir, wenn eine negative Erwartung spürbare Symptome oder eine Verschlechterung auslöst, ohne passende äußere Ursache. In Verbindung mit dem False Memory Effekt kann Erwartung die innere Szene färben und sich wie eine Erinnerung anfühlen, bleibt aber keine Gewissheit.

Neurobiologisch lässt sich das gut erklären. Aufmerksamkeit öffnet das Tor. Was du oft hörst oder liest, wird leichter wieder aktiviert. Das nennt man Bahnung. Der Hippocampus verknüpft die neue Information mit alten Spuren. Die Amygdala markiert Reize als wichtig, wenn sie mit Alarm oder Bedeutung verbunden sind. Beim nächsten Abruf wird das Netzwerk schneller aktiv. Unter Stress ist die präfrontale Steuerung schwächer. Die Firewall ist durchlässiger. So pflanzen sich Nebenbei Botschaften leichter ein und wirken später weiter, ohne dass du es bewusst willst.


Praktische Wende

Baue deine Firewall aktiv mit, indem du aufmerksam konsumierst und im Körper spürst, was ein Satz mit dir macht. Benenne Suggestionen als solche, statt sie unbemerkt zu schlucken. Atme länger aus, denn das senkt Alarm. Wähle eine freundliche Gegensuggestion, die dir dient. Nutze Wiederholung bewusst, damit dein Gehirn täglich ein Bild von Ruhe und Sicherheit kennenlernt.

Nocebo ist Erwartung plus Alarm. Mit Bewusstheit und Atem baust du die Firewall wieder auf.

Suggestion in Trance und gefärbte Erinnerung

Manchmal entstehen falsche Spuren nicht aus böser Absicht, sondern aus unglücklicher Sprache. Suggestive Fragen können in Trance Bilder verstärken, die eher Vermutungen als Erinnerungen sind. In der transderivationalen Suche, also wenn die Frage sehr offen ist und viele Bedeutungen zulässt, sucht dein Inneres nach einem passenden Bild. Findet es eines, fühlt es sich schnell wie eine Ursache an. Das kann hilfreich sein, wenn es um Ressourcen geht. Es kann irritieren, wenn daraus scheinbar sichere Geschichten über die Vergangenheit werden.

Neurobiologisch passt das Bild. Abruf ist Rekonstruktion. Unter hoher Bedeutung und Erwartung werden Spuren beim Erinnern neu verknüpft. Der Hippocampus füllt Lücken mit Naheliegendem. Die Amygdala verstärkt, wenn die Szene emotional geladen ist. So können aus offenen Fragen deutliche Bilder entstehen, die sich später wie Fakten anfühlen.

Die Sprache der Gegenwart füllt die Lücken der Vergangenheit.

Therapeutische Leitplanken

Wir halten Fragen neutral und laden Wahrnehmung statt Vermutungen ein. Wir bauen Gegenchecks ein und fragen, ob es auch andere Bedeutungen geben könnte. Wir bleiben im Körper und achten auf Atem, Schultern und Bauch. Wir würdigen die Bedeutung eines Bildes, ohne daraus automatisch Historie zu behaupten. Und wir nutzen Trance zuerst für Sicherheit, Selbstmitgefühl und Handlungsspielraum.

Trance zeigt Bilder. Wir achten darauf, wie sie wirken, nicht ob sie Beweise sind.

Transderivationale Suche einfach erklärt

Transderivationale Suche hilft dir, wenn du Ressourcen finden willst. Offene Sätze lassen dein Inneres passende Stärken auftauchen. Vorsicht brauchst du, wenn aus einer Ahnung plötzlich eine Ursache wird. Offene Sprache kann Lücken füllen, ohne Beweise zu liefern.

Eine vage Aussage ist wie eine Skizze ohne Farbe. Dein Inneres greift zu den Töpfen, die bereitstehen, und malt sie aus, bis ein vertrautes Bild entsteht. So wird ein allgemeiner Satz schnell sehr persönlich.


Warum das wirkt

Dein Gehirn arbeitet vorhersagend. Offene Sprache aktiviert Schemata und Assoziationen. Der Hippocampus ruft passende Muster ab, der präfrontale Kortex prüft auf Stimmigkeit, die Amygdala verstärkt, wenn Emotion im Spiel ist. Dadurch entsteht schnell ein Sinn, obwohl die ursprüngliche Aussage allgemein war.


Ein Beispiel

Du liest den Satz "Du wünschst dir manchmal mehr Raum für dich". Fast jeder findet sofort innere Belege. Nicht weil der Satz geheim Wissen enthält, sondern weil dein Inneres die Leerstellen füllt.


Therapeutische Nutzung

In Sitzungen nutzen wir diese Dynamik, um Ressourcen zu aktivieren und Sprache sanft zu halten. Für Ursachenbehauptungen bleiben wir vorsichtig und prüfen lieber im Körper, im Atem und in kleinen, überprüfbaren Schritten.

Offene Sprache lädt dein Inneres ein, die Lücken zu füllen. Bewusst genutzt kann sie stärken.

Übungen für Atem und Weitung

Heute nimmst du dir drei Minuten und probierst eine der beiden Formen aus. Für eine stabile Veränderung übe täglich drei Minuten über zehn bis zwölf Wochen. Dein Nervensystem lernt durch Wiederholung und Ruhe.


Rechteck Atem

Stell dir vor, vor dir liegt ein Rechteck. Folge der Form mit dem Blick oder zeichne sie sanft mit dem Zeigefinger in die Luft. An den kurzen Seiten atmest du ein. An den langen Seiten atmest du aus. Lass den Atem beim Ausatmen spürbar länger fließen. Schultern sinken. Zunge vom Gaumen. Drei bis fünf ruhige Runden.


Zähl Atem

Finde zuerst einen bequemen Grundrhythmus. Lass den Atem beim Ausatmen zwei bis vier Zählzeiten länger fließen als beim Einatmen. Zum Beispiel einatmen auf vier und ausatmen auf sechs oder acht. Lege eine Hand auf den Bauch und atme in die Hand, bis du spürst, wie sich der Bauch beim Einatmen nach außen wölbt. Erst dann beginnst du zu zählen. Die seitlichen Flanken dürfen sanft mitgehen. Nach einigen Minuten wird der Atem tiefer und ruhiger.

Länger ausatmen weitet die Wahrnehmung und hilft dem Nervensystem, vom Alarm zurück in Kontakt zu kommen.

Das längere Ausatmen bewegt das Zwerchfell sanft nach oben und verlangsamt den Atemrhythmus. Dadurch steigt der Einfluss des Vagusnervs, der als Hauptnerv deines Ruhe und Regenerationssystems wirkt. In der Ausatemphase bremst er den Herzschlag, die Herzratenvariabilität nimmt zu und der innere Alarm sinkt. Sympathikus und Parasympathikus arbeiten dabei nicht wie zwei Schalter, sondern wie zwei Regler, die sich oft gleichzeitig bewegen. Darum kannst du aufgeregt und ruhig zugleich sein. Schmetterlinge im Bauch entstehen, wenn Aktivierung da ist und der Vagus dennoch Kontakt hält. Das fühlt sich kribbelnd und lebendig an. Steine im Bauch beschreiben eher das Gegenteil. Der Körper bremst stark, Muskeln halten, der Atem wird flacher und schwer. Beides sind reale Körperempfindungen, die zeigen, wie sich die Regler gerade eingestellt haben. Wenn der Vagus stärker wirkt, werden Amygdala und Locus coeruleus leiser. Die präfrontale Steuerung kommt zurück und der Blick wird weiter. So kann dein Nervensystem von Anspannung in Kontakt wechseln und du spürst, wie Schultern sinken, der Kiefer weicher wird und der Gedanke klarer wird.

Dein Atem lenkt den Vagusnerv. Er entscheidet, ob du Schmetterlinge im Bauch fühlst oder Steine im Bauch.

Wenn du magst, schreib mir, welcher Satz dich entlastet hat. Wenn du Begleitung willst, begleite ich dich in deinem Tempo.


Fragen und Antworten


Ist der False Memory Effekt normal

Ja, er ist eine normale Folge davon, wie Erinnerung konstruktiv funktioniert. Dein Gehirn setzt beim Abrufen Bruchstücke neu zusammen. Hippocampus, Kortex und Amygdala arbeiten dabei gemeinsam. Unter Stress werden Bedeutungen lauter und Details unschärfer. Das fühlt sich echt an, auch wenn es anders gewesen sein kann. Entscheidend ist, dass du freundlich prüfst und heute Sicherheit in die Szene bringst.


Was kann ich im Alltag tun

Atme länger aus als ein und prüfe das Bild mit einer kleinen, heute überprüfbaren Beobachtung. Benenne die Brille, die du gerade trägst, und wechsle bei Bedarf zur Neugier. Nutze eine der beiden Atemformen aus den Übungen und wähle eine freundliche Gegensuggestion. Übe das täglich drei Minuten über zehn bis zwölf Wochen, damit sich die neue Spur stabilisiert.


Über die Autorin

Vicdan Bannasch ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hypnotherapeutin. In ihrer Praxis Hypnotherapie Bannasch in Hannover arbeitet sie traumasensibel, ressourcenorientiert und neurobiologisch fundiert. Schwerpunkte sind PTBS, Ängste, Depressionen, Zwangssymptome, ADHS, Schlafstörungen, Schmerz und Trauerbegleitung. Mehr unter hypnotherapie-bannasch.de. Zuletzt aktualisiert am 16.11.2025.

Sanft im Prozess. Kraftvoll im Ergebnis.


Weiterführende Quellen

Loftus EF, Palmer JC. Reconstruction of automobile destruction. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 1974. Kurz zu Sprache und Erinnerung bei Unfällen. Zum Artikel


Nader K, Schafe GE, LeDoux JE. Fear memories require protein synthesis in the amygdala for reconsolidation after retrieval. Nature, 2000. Grundlagentext zur Rekonsolidierung. Zum Artikel


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